Der Leitzins stellt das wichtigste finanzpolitische Instrument der EZB dar. Folglich wundert es kaum, dass auch nur geringe Änderungen einen hohen Einfluss auf die europäische und weltweite Wirtschaft haben. Die Kosten für Kredite richten sich danach, die Geldmenge wird beeinflusst und selbst die Börse beobachtet gebannt die Politik der europäischen und anderer Zentralbanken. Eine dermaßen wichtige Kennzahl sollte jeder Teilnehmer an den Finanzmärkte, also jeder Sparer, Anleger oder Kreditnehmer, kennen. Demnach werden wir kurz die Funktionsweise des Hauptrefinanzierungssatzes erläutern und anschließend mit der Hilfe einiger Szenarien die mögliche Entwicklung im Jahr 2016 prognostizieren.

Der Leitzinnsatz kurz erklärt

was sind leitzinsen leitzinsDer Hauptrefinanzierungssatz beschreibt den Zinssatz, zu dem die Geschäftsbanken Zentralbankgeld bei der EZB oder einer anderen Zentralbank leihen können. Im Gegenzug überlassen die Banken der Zentralbank gewisse Sicherstellungen (Pfandrechte oder Pensionsgeschäfte). Diese Sicherheiten werden natürlich verzinst und stellen folglich Zinsausgaben für die Banken dar. Eine Privatperson kann sich vorstellen, dass die Zentralbank nur Sicherheiten zu gewissen Zinssätzen akzeptiert und so der Leitzins festgelegt wird.

Hinweis: Der Euribor beschreibt den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen und dieser weicht folglich vom Leitzins ab. Die starke Koppelung an die Kosten zu denen von der Zentralbank geliehen wird, ist jedoch offensichtlich.

Weiters nehmen die Geschäftsbanken mehr Zentralbankgeld auf, wenn es günstiger, sprich zu einem geringeren Leitzins, zu haben ist. So verändert der Hauptrefinanzierungssatz ebenfalls die Geldmenge, welche in Umlauf befindet (vereinfachte Vorstellung!).

Hinweis: Das Zentralbankgeld dient unter anderem für die vorgeschriebene Mindestsicherung der Banken. Das bedeutet, die Geschäftsbanken können ein Vielfaches des vorhandenen Zentralbankgeldes in Umlauf bringen. Da die Mindestsicherung jedoch festgeschrieben ist, bleibt der Steuerungseffekt zumindest weitestgehend vorhanden.

Weitere Informationen zum Leitzins:

Szenarien zur Leitzinssatzentwicklung im Jahr 2016

Sobald dieses grundlegende Verständnis vorhanden ist, können wir verschiedene Szenarien entwickeln um mögliche Leitzinsänderungen im Jahr 2016 abzuschätzen. Wir leiten aus den jeweiligen Szenarien ebenfalls Handlungsempfehlungen ab.

Achtung: Die Finanzmärkte können sich immer unvorhersehbar entwickeln. Alle Handlungsempfehlungen werden ohne Gewähr gegeben. Außerdem wird die Realität von einer Verknüpfung dieser möglichen Szenarien dargestellt, wobei die Stärke der Einflüsse abzuschätzen ist.

Der Impuls aus den USA

zinswende in den usa durch us notenbankAm 16. Dezember 2015 wagte die Federal Reserve (US Notenbank) als erste große Zentralbank die Zinswende. Der Leitzins wurde auf einen Wert zwischen 0,25 und 0,5 Prozent erhöht (Euroraum: 0,05 %). Es stellt sich nur die Frage, welche Daten diese Trendwende begründen und ob sich diese in Europa fortsetzen könnte.

Die Inflation ist in den USA im Jahr 2015 extrem auf 0,1 % gesunken. Höhere Leitzinsen bekämpfen eigentlich eine hohe Inflation, da die Geldmenge dadurch reduziert wird. Weiters entwickelte das Wachstum des amerikanischen BIP sehr stabil und gut über das Jahr 2015 hinweg (zB 2 % im Sommer und mehr zuvor). Diese Kennzahl würde durchaus ein leichtes Anheben der Leitzinsen begründen. Trotzdem sanken die US Exporte auf den niedrigsten Wert seit 2012. Normalerweise müsste dies eine weitere Senkung des Leitzinses begründen. Die Arbeitsmarktdaten, auch nach der jüngsten Erhebung aus dem Jänner 2016, stehen wiederum für eine Erhöhung der Leitzinsen und vielleicht sogar für ein leichtes Ignorieren der Exportdaten, da sich die stärkste Binnenwirtschaft der Welt wieder mehr aus eigener Kraft leisten kann.

Hinweis: Eine hohe Geldmenge und niedere Zinsen schwächen eine Währung und machen den Einkauf in einem Land günstiger. Auf diese Weise hängen Exporte und Leitzinsen zusammen.

Oberflächlich betrachtet stehen zwei der wichtigsten Indikatoren für eine Anhebung der Leitzinsen und zwei Indikatoren dagegen. Es handelte sich also um eine riskante Entscheidung den Hauptrefinanzierungssatz anzuheben.

Fazit: Wenn die Strategie der FED aufgeht und sich die Exporte zusammen mit der Binnenwirtschaft positiv entwickeln, dann dürfte dies tatsächlich ein Impuls für den Rest der Welt sein – viele andere Wirtschaftsräume würden dann ebenfalls ihre Leitzinsen anheben. Eine erneute Senkung der US Leitzinsen würde hingegen auf eine noch länger andauernde Niedrigzinsphase hindeuten.

Interessant für Anleger: Wenn sich die US Notenbank verschätzt haben sollte, dann könnte dies den Dollar nachhaltig schwächen. Da Gold in in Dollar gehandelt, könnte dies den Goldpreis stützten.

Interessant für Kreditnehmer: Die geringe Erhöhung der Leitzinsen in den USA muss für sich genommen zukünftige Kreditnehmer nicht ins Schwitzen bringen. Daraus ist noch kein Stress bezüglich Kreditantrag oder fixer Verzinsung abzuleiten.

Quellen und weitere Informationen:

Die europäische Wirtschaft entwickelt sich gut

europaeische wirtschaft 2016 im aufschwungAlle Ampeln stehen auf grün. Fast alle Prognose spiegeln ein positives Bild wieder (Gfk etc.). Noch erwarten alle Experten ein Wirtschaftsjahr 2016 mit großem Aufschwung. Diese Entwicklung soll in erster Linie auf erhöhten Binnenkonsum zurück zu führen sein (ähnlich wie in den USA). Die angespannte Exportsituation sollte die Leitzinsen also wenig dämpfen. Die Hochkonjunktur würde ebenso für eine Erhöhung der Leitzinsen stehen. Die anhaltend niedere Inflation begründet jedoch die Beibehaltung des niedrigen Zinsniveaus. Zudem verlangen viele Experten eine weiterhin expansive Geldpolitik, sprich eine hohe Geldmenge, welche durch niedrige Zinsen begünstigt wird. Diese Forderung geht auf die Euro-Krise zurück. Außerdem ist die EZB seit jeher dafür bekannt eher geldpolitische Maßnahmen (zB Inflation) und erst in zweiter Linie wirtschaftspolitische Aspekte ins Auge zu fassen. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich von der FED.

Fazit: Zumindest in der ersten Hälfte des Jahres 2016 sollten sich die Leitzinsen im Euroraum noch nicht verändern. Sofern sich die wirtschaftliche Entwicklung wie gehabt fortsetzt, könnte es zwar sein, dass sich die EZB ein wenig Spielraum verschaffen möchte, aber wegen den staatlichen Schulden sollte sich der Hauptrefinanzierungssatz kaum erhöhen und ein ähnlich niedriges Niveau halten. Trotzdem sind einige Parallelen zur Lage in den USA erkennbar. Ein wenig Bewegung wird dadurch nahe gelegt.

Handlungsempfehlung für Anleger: Die Investition in Aktien sollte sich gerade bei Hochkonjunktur und anhaltend niedrigem Leitzins besonders lohnen. Während in den USA die Geldanlage in Aktien traditionelle Popularität besitzt, ändert sich auf dem europäischen Festland erst zunehmend das Anlageverhalten. Bei anhaltend niederen Leitzinsen wird sich dieser Trend fortsetzen. Der 5-Jahres-Vergleich des DAX unterstützt diese These.

Handlungsempfehlung für Kreditnehmer: Rein bezogen auf die Leitzinsen können Finanzierungsvorhaben noch einige Monate überdacht werden. Trotzdem werden wohl die nächsten Jahre Darlehen nicht mehr so günstig sein wie jetzt.

Quellen und weitere Informationen:

Die Löhne entwickeln sich weiterhin sehr gut

In der wichtigsten Volkswirtschaft des Euroraums, in Deutschland, entwickeln sich die Reallöhne seit einiger Zeit sehr positiv. In anderen EU Ländern ist eine ähnliche Entwicklung, wenn auch weniger stark ausgeprägt, erkennbar. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, muss dies eine erhöhte Inflation nach sich ziehen. Dies lässt sich leicht verstehen, denn höhere Löhne müssen an irgendeinem Punkt auf die Preise der Produkte und Dienstleistungen aufgeschlagen werden. Dieser Anstieg bedeutet zwangsläufig Inflation, da sich die Verbraucherpreise erhöhen. Noch befindet sich die Inflation jedoch auf einem äußerst geringen Niveau (0,5 % im Jänner 2016). Die Tendenz ist jedoch entsprechend dieser Logik steigend.

Fazit: Erhöhter Inflation muss zwangsläufig mit höheren Leitzinsen entgegen gewirkt werden. Die EZB reagiert meist sehr empfindlich auf steigende Inflation. Sollten also Werte von 1,5 % und darüber erreicht werden, lässt eine Erhöhung der Leitzinsen bestimmt nicht lange auf sich warten.

tagesgeldkonten festgeldkonten und kredite wieder im aufschwungHandlungsempfehlung für Anleger: Da ein Anstieg der Leitzinsen ebenfalls die Anlagezinsen stützt und gleichzeitig mit einer potentiellen Verbesserung der europäischen Schuldensituation einhergeht (Verknüpfung zwischen Inflation und Schulden), könnten Staatsanleihen wieder lukrativer werden und einen besonderen Trend erfahren. Ebenso Tagesgeldkonten und Festgeldkonten würden dadurch wieder interessanter werden.

Handlungsempfehlung für Kreditnehmer: Wenn die Löhne im Jahr 2016 noch weiter ansteigen, dann wäre es durchaus zu empfehlen, einen geplanten Kredit schon heute und nicht erst morgen aufzunehmen. Außerdem könnte sich ein Fixzins als besonders vorteilhaft herausstellen.

Quellen und weitere Informationen:

Der Flüchtlingsstrom hält weiterhin an

was bedeutet der flüchtlingsstrom für die europäische wirtschaftMehr Menschen bedeuten mehr Konsum und mehr wirtschaftliche Leistung. Im Moment bezahlen zwar noch der Staat und die Kommunen für die Flüchtlinge, aber schon diese Ausgaben münden in einem erhöhten BIP Wachstum, welches wiederum zu höheren Steuereinnahmen führt. Das bedeutet zwar nicht, dass sich die Flüchtlinge komplett selbst refinanzieren, aber sie benötigen Betten, Möbel und Verpflegung. All diese Produkte und viele weitere Dienstleistungen werden im Euro-Raum hergestellt bzw. bereitgestellt. So geht beispielsweise der Chefvolkswirt der Unicredit von einem zusätzlichen Wirtschaftswachstum von 50 Milliarden Euro nur durch die Flüchtling über die nächsten fünf Jahre aus. Diese Zahlen beziehen sich nur auf Deutschland. Jedoch werden die Flüchtlinge mittelfristig den Arbeitsmarkt unter Druck setzen und somit die Löhne wieder sinken lassen.

Fazit: Ein erhöhtes Wirtschaftswachstum würde zwar eine Erhöhung der Leitzinsen begründen, aber der absehbare Druck auf dem Arbeitsmarkt könnte die EZB dazu veranlassen, zögerlicher zu handeln. Auch dieses Szenario weist auf eine höchstens geringe Anhebung der europäischen Leitzinsen im Jahr 2016 hin.

Handlungsempfehlung für Anleger: Ein erhöhtes BIP Wachstum stützt die Aktienkurse, während niedere Zinsen weiterhin Kapital in diese Anlageform fließen lassen. Der Flüchtlingsstrom dürfte die Börsen also zumindest kurz- bis mittelfristig stützen.

Handlungsempfehlung für Kreditnehmer: Die Kreditnehmer werden sich wohl noch das ganze Jahr 2016 hinweg in einer guten Situation befinden und bei Bedarf billiges Geld erhalten können.